Frontberichterstattung aus Afghanistan: Das Wort Ausbildung missfällt
Frontberichterstattung aus Afghanistan hat Konjunktur. Auf ARD und ZDF, bei den Privaten, in Büchern von Rückkehrern, in Reportagen und Blogs. Wer glaubt, dass sie abschreckend wirkt, muss die Frage beantworten, warum die Bundeswehr sie inzwischen gerne auf ihre Website stellt. Auch Jugendoffiziere werben in Schreiben an Schulen mit ihren Afghanistan-Erfahrungen, die sie gerne zum Besten geben.
Anfang Juni hat der Journalist Jochen Stahnke in der FAZ einen Bericht über eine Teileinheit der Schnellen Eingreiftruppe (Quick Reaction Force), die die Bundeswehr in Kunduz unterhält, publiziert. Er landete prompt auf www.bundeswehr.de. Offenbar traf die Mischung aus Landserromantik („Die Soldaten klappen ihre Feldbetten auf der Schotterpiste auf und bringen einen Granatmaschinenwerfer vom Dach eines Transportpanzers auf der Straße in Stellung“) und Heldenmythos („Er ist 36 Jahre alt, sein brauner Vollbart macht ihn etwas älter. Seine Soldaten duzt er ...’ ich werde euch schon alle zurück nach Hause bringen’, sagt der Bayer, bevor er sich selbst für vier Stunden hinlegt.“) den Geschmack der Propagandatruppe im Ministerium.
Der Bericht lag auch genau auf der Linie der Guttenberg-Rhetorik, die nun so scheinbar offen von den „kriegsähnlichen Zuständen“ in Afghanistan redet. Von mehr aber auch nicht. Auch wenn es raucht und kracht - die Mission der Bundeswehr ist moralisch korrekt, rechtlich einwandfrei und selbstverständlich nichts als Notwehr. „Wenn man selbst schießt, fühle man sich auch nicht so hilflos. Als die Kugeln an den Köpfen vorbei surrten, da wussten sie, es ist Krieg.“ Dankbar dürfte im Ministerium auch der formulierte Glaube an die Weisheit der NATO und des BmVg registriert worden sein. „Im Oktober wird auch die Schnelle Eingreiftruppe noch einmal durch Pioniertruppen verstärkt und in gemeinsame Ausbildungsbataillone mit der afghanischen Armee eingebracht. ‚Das ist der einzige Weg, das hier noch zum Guten zu bewegen’, sagt Brandy. Auch wenn es gefährlicher werde - mit den Ausbildungsbataillonen werde endlich die Strategie sichtbar werden, dass die Afghanen selbst für ihre Sicherheit sorgen.“
Am 6. November hat der Autor eine neue Reportage („Auf Außenposten“) in der FAZ veröffentlicht. Bislang ist sie nicht auf der Bundeswehr-Seite zu finden. Zufall, Zeitverzögerung oder inhaltliche Probleme? Berichtet wird über Soldaten der „Task Force Kunduz“: „Ihre neu aufgestellte Einheit heißt ‚Ausbildungs- und Schutzbataillon’, aber so werden sie nur in Deutschland genannt. Es ist ein zu umständlicher Name, der sich kaum übersetzen lässt, und auch das Wort Ausbildung missfällt: Er bilde hier keine Afghanen aus, sondern führe Operationen und Gefechte, sagt Kompaniechef Wolfgang S. In Afghanistan heißen sie also ‚Task Force’, so wie die Amerikaner ihre entsprechenden Gefechtsverbände nennen.“
Auch die Bräuche sind die gleichen wie bei den Verbündeten. „Auf die Rückwand des gepanzerten Fahrzeugs (‚Dingo’) seines Trupps hat jemand eine Abschussliste gemalt: ‚Taliban III’“.
Ihre Aufgabe ist ein Kampfauftrag, auch wenn das in Ministerworten eher „partnering“ heißt: „Diese Truppe soll zusammen mit den afghanischen Sicherheitskräften die Aufständischen vertreiben - und die freigekämpften Stellungen hinterher auch halten.“
Bei der ‚Vertreibung’ geht es ziemlich ‚robust’ zu. „Die deutsche Artillerie schießt mit ihren Panzerhaubitzen aus dem acht Kilometer entfernten Feldlager, amerikanische Kampfhubschrauber feuern Salven in die Laufgräben, und ein amerikanisches Kampfflugzeug beschießt die Nordflanke, jede Einheit beharkt einen Flügel der Aufständischen.“
Entsprechend sind die Ergebnisse: „Wenn etwa deutsche Panzerbesatzungen Splittermunition verschießen, dann sehen sie Menschen platzen.“ Aber Befehl ist Befehl und Job ist Job. „Über Politik oder Sinn und Zweck der Mission wird untereinander wenig gesprochen. Sie haben genug mit sich selbst und dem zu tun, was täglich passiert.“ Und: „Man funktioniert. Es funktioniert.“ Sonst nichts.
Und die afghanischen ‚Sicherheitskräfte’, um deren Ausbildung es ja offiziell geht? Die Polizisten gleichen eher „einem Kampfverband“, falls sie überhaupt vorhanden sind. „Mangels afghanischer Soldaten und Polizisten greift die Bundeswehr auch auf lokale Milizen zurück, die von ISAF-Kräften manchmal sogar mit Munition ausgestattet werden.“ Diese Milizen sollen künftig in die afghanische Polizei eingegliedert werden, obwohl der ursprüngliche Auftrag das genaue Gegenteil vorsah - ihre Entwaffnung. Mit Hilfskräften darf man nicht pingelig sein, auch wenn sie ihr eigenes Süppchen kochen „und ein Gewaltmonopol des afghanischen Staates scheinen sie bislang auch nicht zu verteidigen“.
friedens-info.de